Da sein, wenn das Leben zerbrechlich wird
24.06.2026 |
Krankheit, Abschied und die Frage nach dem Warum gehören zu den schwersten Erfahrungen des Lebens. Gerade dann suchen Menschen nach Halt – und manchmal auch nach Gott. Daniela Segna-Gnant begleitet als Seelsorgerin im Hospiz Haus Johannes und in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen auf ihrem letzten Lebensweg. In diesem bewegenden Gespräch erzählt sie von Begegnungen, die berühren, von der Kraft des Zuhörens und davon, warum sie keine einfachen Antworten auf die großen Fragen des Lebens braucht. Stattdessen spricht sie von einem Glauben, der nicht alles erklärt, aber trägt – besonders dort, wo Worte fehlen und das Dasein selbst zum größten Geschenk wird.
Die momentane Zeit wirft in jedem die Frage auf, wo ist Gott?
Ich konnte Frau Daniela Segna-Gnant gewinnen, sich mit mir über diese nicht ganz so leichte Thematik zu unterhalten. Wir haben bereits vor vielen Jahren zusammengearbeitet, kennen uns und sind per „Du“. Daniela Segna-Gnant hat Theologie in Rom studiert. Ihren Mann kennen gelernt. In der Diözese Freiburg hat sie die Ausbildung zur Pastoralreferentin gemacht. 18 Jahre in der Klinikseelsorge hier in Sigmaringen gearbeitet. Seit 2019 in der SAPV und Hospizarbeit.
1. Was genau ist Deine Tätigkeit?
Ich würde es so definieren, ich begleite und unterstütze Menschen mit ihren Familien in der letzten Zeit ihres Leben. Das tue ich im Hospiz Haus Johannes und in der SAPV.
Ich würde es so definieren, ich begleite und unterstütze Menschen mit ihren Familien in der letzten Zeit ihres Leben. Das tue ich im Hospiz Haus Johannes und in der SAPV.
Das heißt ausgesprochen: Spezialisierte ambulante palliative Versorgung. Da gibt es ein Team aus Pflegekräften, Ärzt*innen und eben mich als Seelsorgerin, die schwerkranke Menschen zu Hause versorgen: Hier geht es um Menschen mit ihren Schmerzen körperlich, psychisch und seelisch. Dabei kommen wir in einen sehr privaten Bereich der Menschen und wir, das Team, sind die Gäste. Wir kommen in deren Lebensräume und es wird uns eine Tür des Vertrauens eröffnet. Das müssen wir würdigen
Ich bewundere diese Menschen, die oft auch alleine leben und versuchen, so lange wie möglich ihre Lebensqualität zu erhalten .
Immer wieder staune über ihren festen Glauben, wie bei Hiob und immer wieder wundert es mich gar nicht, wenn sie mir auch die Frage stellen „Und sie, können sie, noch an Gott glauben?“
Einfache Antworten habe ich auch keine.
Ich bewundere diese Menschen, die oft auch alleine leben und versuchen, so lange wie möglich ihre Lebensqualität zu erhalten .
Immer wieder staune über ihren festen Glauben, wie bei Hiob und immer wieder wundert es mich gar nicht, wenn sie mir auch die Frage stellen „Und sie, können sie, noch an Gott glauben?“
Einfache Antworten habe ich auch keine.
2. Was gilt noch?
Leiden und unsichere Zeiten, das kennen wir alle. Hinter jeder Haustüre leben Menschen mit ihren Schicksalen, wir sehen es bloß nicht.
Aller Halt geht verloren.
Manchmal hilft mir die Zuversicht, dass ich nicht nur aus-halte sondern durch-halte, manchmal hilft das bewusste annehmen, dass es so ist, wie es ist und nicht das Wegtrösten. Die Unsicherheit zulassen. Sie hat vielleicht eine Botschaft für mich. Sie kann mir sagen, dass etwas Neues dran ist.
Manchmal hilft mir die Zuversicht, dass ich nicht nur aus-halte sondern durch-halte, manchmal hilft das bewusste annehmen, dass es so ist, wie es ist und nicht das Wegtrösten. Die Unsicherheit zulassen. Sie hat vielleicht eine Botschaft für mich. Sie kann mir sagen, dass etwas Neues dran ist.
3. Gibt es besondere Fähigkeiten, die Deine Tätigkeit erfordert?
Zuhören können ist das allerwichtigste. Eine Haltung der Demut gegenüber der Situation des Menschen. Ich weiß es auch nicht besser und kann den Menschen in dieser Situation nur unterstützen und ihm zur Seite stehen. Und dies auch selbst zu akzeptieren. Den Wert der Stille spüren.
4. Was ist das Besondere an Deinem Tun, bzw. was gefällt Dir?
Die Begegnung mit den Menschen, mit den so verschiedenen Menschen. Das Vertrauen, das mit entgegenbracht wird, verändert mich und vermutlich auch mein Gegenüber.
Diese Begegnungen haben mich so gemacht, wie ich jetzt bin. Dafür bin ich sehr dankbar.
Mein Tun ist für mich das Ur-, Ursprünglichste, da kannst Du nicht mit Worten kommen, Du bist da, du bleibst, hältst mit aus und läufst nicht weg.
5. Was ist Deine Motivation, dich gerade in diesem Thema zu engagieren?
In meinem Leben habe ich erfahren, dass ich in schweren Zeiten nicht alleine war und auch nicht alleine gelassen wurde.
Meine Mutter war ehrenamtlich in Pflegeheimen engagiert und manchmal auch im Krankenhaus tätig. Dies hat mich geprägt und ich habe, wenn ich meine Mutter begleiten durfte, schon als Kind die besondere Atmosphäre gespürt, wenn man am Krankenbett sitzt. Das wurde dann später zu meinem Herzensthema.
Miteinander reden, Tränen würdigen, das kann trösten und wenn es nur für eine winzige Zeit ist, das reicht mir schon als Motivation weiterzumachen.
Meine Mutter war ehrenamtlich in Pflegeheimen engagiert und manchmal auch im Krankenhaus tätig. Dies hat mich geprägt und ich habe, wenn ich meine Mutter begleiten durfte, schon als Kind die besondere Atmosphäre gespürt, wenn man am Krankenbett sitzt. Das wurde dann später zu meinem Herzensthema.
Miteinander reden, Tränen würdigen, das kann trösten und wenn es nur für eine winzige Zeit ist, das reicht mir schon als Motivation weiterzumachen.
6. Von wem bekommst Du Anerkennung und Wertschätzung für Deine Tätigkeit?
Die Menschen sagen oft direkt: „Es hat gut getan in dieser Situation nicht allein zu sein.“ Dankbarkeit, Wertschätzung liegt auch im Vertrauen, das mit entgegengebracht wird.
7. Erfährt Dein persönlicher Glauben eine Bereicherung durch diese Tätigkeit?
Mein Glaube hat sich sehr verändert durch diese Tätigkeit. Ich spüre einen Gott, der in der Ohnmacht präsent ist und sonst eher weniger spürbar ist. Ich komme ganz nahe an die Klage von Jesus selber:
„Mein Gott, hast Du mich verlassen?“
8. Ein besonderes Erlebnis aus Deiner Tätigkeit…
Ein besonderes Erlebnis aus der Krankenhausseelsorge. Solange ich im Krankenhaus gearbeitet habe, habe ich, so oft es möglich war, die Treppe genommen. Eines Tages bin ich am Aufzug vorbeigekommen und er ging gerade auf. Weil ich in den dritten Stock musste, habe ich ihn ausnahmsweise genutzt. Vor mir stand eine Frau ganz alleine und ich sah ihr an, dass sie etwas bedrückte. Ich sprach sie an, ob sie alleine hier ist. Sie winkte ab, nein, der Ehemann kommt nach, er hat keinen Parkplatz gefunden und der Termin beim Arzt ist gleich und da muss sie jetzt alleine hin. Ich habe ihr angeboten, dass ich sie, wenn sie möchte, bis zum Arzt begleite und bei ihr bleibe. Der Frau traten Tränen in die Augen: „Das würden Sie für mich tun?“ Als wir vor dem Arztzimmer warteten, sagte sie: „Als ich aus dem Auto ausgestiegen bin, habe ich mit Gott geschimpft, dass ich diesen schweren Weg allein gehen muss und mein Mann keinen Parkplatz findet. Und jetzt sind sie bei mir, Danke!“
Oft durfte ich solche Begegnungen machen, die ich als Fügung erlebt habe und erlebe.
Krisen, Krankheiten und Schicksalsschläge treffen uns mitten im Leben. Dann, wenn Worte den Schmerz nicht mehr ausdrücken können. Dann ist es gut, da zu sein, zu zuhören. Durchzuhalten. Danke für Dein Tun, Deine Ermutigenden Worte und dein Wirken.
Das Gespräch führte
Christine Brückner,
Referentin für Engagementförderung



